Reisevorbereitung

 

Nach der Moskau-Tour 2017 soll es auf jeden Fall in diesem Jahr etwas geruhsamer zugehen.

 

Also Landkarte auf den Tisch, Augen zu, Finger drauf.

 

Huch, was ist denn das? Železné hory (Eisengebirge)? Noch nie gehört ...

 

Es liegt etwa 70km süd-östlich von Prag, nicht unähnlich unserem sächsischen Erzgebirge.

 

Die Route der ersten Reiseetappe führt über Pirna, Děčín, Česká Lípa, Doksy, Mladá Boleslav, Nymburk (hier überqueren wir in südlicher

Richtung die Elbe), Poděbrady, Kolín, Časlav, Žleby, Seč.

 

 

Im anvisierten Städtchen Seč ist kein Quartier zu bekommen, viele Urlauber sind unterwegs. Fündig werden wir aber unweit davon in Hoješín in der

Pension U Lípy . Hoješín wird damit zum Ausgangspunkt für einige Touren durch und um das Eisengebirge in den kommenden Tagen.

Genau wie bei uns in Sachsen hat es auch hier seit Wochen nicht geregnet. Bäume werfen zum Teil schon ihre Blätter ab, es ist wie Herbst,

obwohl es erst Anfang August ist. Und unerträglich heiß ist es.

 

Auf dem Trip nach Kutná hora (Kuttenberg) machen wir erst mal Halt in Třemošnice (Tremoschnitz), um das technische Denkmal „Kalkwerk“

zu besuchen. Gleich daneben kann man eine Sammlung historischer landwirtschaftlicher Geräte besichtigen. Fazit: Sehenswert!

 

      

 

 

Weiter geht es nach Žleby (Schleb). Über dem Ort mit nur reichlich 1000 Einwohnern thront eine Burg gewaltigen Ausmaßes. Im Schlosspark genießen

wir den Blick auf eines der Hauptgebäude bei einem guten Kaffee.

 

 

 

Auch ein Wenzelsplatz, aber nicht in Prag,

sondern in Kutná hora.

 

 

 

Das Brunnenhaus Kamenná kašna aus dem 15. Jh. war einstmals das Wasser-Reservoir der Stadt Kutná hora.

 

  

 

 

Gabi gibt sich die Kugel ...

 

  

 

 

Die Barbara-Kirche mit den drei markanten schiefergedeckten Dachspitzen gilt als bedeutendstes vielleicht auch größtes kirchliches Bauwerk der

Spätgotik in Böhmen. Begonnen im Jahre 1388 wurden stets weitere Teile hinzugefügt oder Umbauten vorgenommen. Über viele Stufen erreicht man

den inneren Balkon im Kirchenschiff und kann die Orgel von hinten und von oben betrachten und auch einen Blick in deren Inneres werfen.

Staub müsste allerdings mal wieder gewischt werden ...

  

 

 

Eine Runde im wahrsten Sinne des Wortes führt uns über Vysočina nach Hlinsko und zurück nach Seč. Das Gelände des Volksarchitektur-Museums

Veselý Kopec bei Vysočina ist weitläufig. Bei schönem Wetter kann man dort wunderbar die Zeit verbringen.

 

  

 

 

                                                                                                     In Hlinsko gab es auf jeden Fall ein gutes, deftiges, böhmisches Mittagessen, aber sonst ...?

 

  

 

 

Die zweite Reiseetappe sollte uns eigentlich über Svitavy, Olomouc, Frýdlant  nach  Frýdek Místek bringen. Aber auch hier waren keine

preiswerten Übernachtungsmöglichkeiten zu bekommen. Schließlich nehmen wir mit einem ordentlichen Motel in Horní Tošanovice an der Straße

von Frýdek Místek nach Český Těšín vorlieb. Aus dem Zapfhahn fließt ein frisches RADEGAST, um Welten besser als das KOZEL in der letzten

Pension. Als E-Techniker empfinde ich den Blick aus unserem Zimmer durchaus romantisch. Gabi ist keine E-Technikerin ...

 

  

 

 

Teschen (links unten) ist eine durch die tschechisch-polnische Grenze

geteilte Stadt (tsch.: Český Těšín / poln.: Cieszyn).

 

 

 

Weiter geht nach Ostrava, die Stadt der Eisenhütten. Die Hitze setzt uns zu, lust- und ziellos gehen wir durch das Stadtzentrum von Ostrava, dem

jegliche charakteristische Atmosphäre fehlt. Zwischen den hohen, großen Geschäftshäusern hie und da ruinöse Grundstücke, auch unpassende

Architekturen aus der Zeit 1945-90. Die Restaurierung schöner Jugendstilhäuser wurde, was die Farbe anbelangt, oftmals lieblos erledigt: Über

Wappen, Reliefs, Ornamente einfach die gleiche Farbe drauf wie überall ... Was würde wohl Leoš Janáček, der sein „Schlaues Füchslein“ liebevoll

streichelt, dazu sagen? Eine Temperaturanzeige in der Leuchtreklame einer Apotheke zeigt 39°C.

 

 

  

 

      

 

 

Die dritte Etappe unserer Reise führt über Čadca in die Slowakei, weiter nach Zákammené an der Südseite der Orava-Talsperre entlang. Gleich

hinter der Grenze werden Wiesen und Wälder saftig grün, die Bäche und Flüsse führen reichlich Wasser. Der heiße und trockene Sommer 2018

fand hier offenbar schon nicht mehr statt.

 

In Slanická Osada ist es Zeit für einen Kaffee. Überraschend schnell sind wir jenseits der polnischen Grenze im Ort Chochołów, wo wir 2008 schon

einmal gewohnt haben. Die Besonderheit des Ortes ist die riesige Anzahl wunderschöner Holzwohnhäuser. Das Navi führt uns nicht nach Zakopane,

sondern über schmale Bergdorfstraßen nach Ciche, Nowe Bystre und Poronin. Von dort wäre die Straße 961/960 die optimale Route nach

Lysa Poľana, die ist jedoch gesperrt. Mir fehlt in dem Moment die Orientierung, wo wir eigentlich sind und wie es optimal weitergehen könnte.

Die Zeit schreitet voran ... irgendwann wollen wir ja auch mal ankommen. Ich fahre einfach auf die Tatra-Berge zu und bin überrascht, dass wir binnen

weniger Minuten schon in Zakopane sind. Glück gehabt. Nun, von hier aus kennen wir den Weg aus dem Effeff, sind wir doch regelmäßig in unseren

Tatra-Urlauben hier gewesen.

 

Obwohl bekannt, zieht sich die Strecke bis Lysa Poľana ganz schön hin. Am Grenzübergang Lysa Poľana trinken wir auf der slowakischen Seite etwas

und verzehren die mitgenommenen Reste des Frühstücks in einem zwar neuen aber ärmlichen Parkplatz-Bistro. Wir denken an unsere früheren Rysi-

Besteigungen von der polnischen Seite aus, die mit dem unendlich langen An- und Abmarsch - es waren, glaube ich je 10km - genau hier begannen.

 

Veľká Lomnica, auf der anderen, der Südseite der Tatra, war unser bevorzugter Urlaubsort in den 80er Jahren. Und vom Haltepunkt

Studený potok fuhren wir mitunter schon in düsterer Frühe Richtung Gebirge.

  

 

Wir quartieren uns im noblen Belveder in Tatranská Lomnica ein. Ohne Zweifel ist unserem Aufenhalt zu Füßen der Hohen Tatra ein gewaltiger Teil

Nostalgie zugemischt. Was vor 40 Jahren für uns Gebirgs-touristisch möglich war, geht einfach nicht mehr, wir müssen mindestens zwei Gänge

zurückschalten.

 

Damals, nach schlauchenden Bergtouren das erste Bier mit einem Stück frisch geräuchertem Parenica-Käse in der Bahnhofswirtschaft

von Starý Smokovec ...bleibt unvergessen! Vrbov, war mal ein bescheidenes Dorfbad, heute ist es ein für den Massendurchsatz aufgemotztes

Thermalbad erster Klassse.

 

  

 

 

Ja, dort oben sind wir damals rumgekraxelt. Dennoch hat auch eine beschauliche Wanderung bei Bilderbuchwetter und auf nahezu ein und serselben

Höhenlinie ihren Reiz.

 

  

 

Lange Zeit noch werden die Wunden, die der Tornado von 2004 riss sichtbar bleiben, wie hier an den Studenovodslé vodopady (Wasserfälle), die

einstmals im Wald versteckt waren.  Rechts die Lomnitzspitze mit dem Observatorium.

 

  

 

Im südlichen Vorland der Hohen Tatra kann man wunderbare Motorradtouren unternehmen.

 

  

 

Die Stadt Levoča (Leutschau) ist eine Perle. Keine Bange, Gabi durfte wieder raus.

 

 

 

 

Die vierte Etappe zielt bereits wieder in heimatliche Richtung, wenngleich wir noch so ziemlich am östlichsten Punkt unserer Reise sind: Ždiar,

Poděspady, Nowy Targ, Bielsko-Biała, Rybnik. Am See Jezioro Rybnickie ist unser Restaurant/Hotel idyllisch am Waldrand gelegen.

 

 

 

 

Nicht nur die Lage war ausgezeichnet, sondern auch die Küche. Wir hatten Gelegenheit, die (nicht abgebildete) schlesische Saure Mehlsuppe zu

genießen: Ein Gedicht! Kriegt man zu Hause wohl so niemals hin. Die polnischen Biere Żywiec, Tyskie und speziell das regionale Raciborskie sind

allesamt ausgezeichnet. Zum wiederholten Male bestätigt sich, dass die polnische Küche – unserer Meinung nach – zu den besten Europas gehört.

 

    

 

 

Der 15. August ist in Polen kirchlicher und weltlicher Nationalfeiertag. Es ist ein Witz, aber wir waren auf den Tag genau vor 10 Jahren schon einmal in

der Gegend von Racibórz (Ratibor), Głubczyce (Leobschütz) und Głogówek (Oberglogau). Damals lernten wir dort per Zufall den

Musikfreund Stanley (rechts unten im gelben T-shirt) kennen und verbrachten mit seinen Freunden hinter seinem Haus einen tollen spontanen

Nachmittag bei Tee und guter Blues-Musik. Dies war auch im 2008er Reisebericht nachzulesen. Natürlich haben wir ihn besucht, leider ist er

zwischenzeitlich völlig erblindet. Aber umso herzlicher war unsere abermalige, für ihn absolut unerwartete  Begegnung quasi zum 10. Jubiläum.

 

  

 

 

Ein absolutes Muss für mich war der Besuch des Sendermuseums Gliwice (Gleiwitz). Für (nur!) 2 x 5 Zł werden wir ins Senderhaus eingelassen.

 

Es gibt erst mal ein 40-minütiges, sehr gut gemachtes Video (tlw. deutschsprachig, ansonsten deutsche Untertitel), das die von der SS als polnischen

Überfall auf den Sender dilettantisch inszenierte Aktion als Mix aus Doku- und Spielfilm zeigt. Zu Wort kommen dabei polnische und deutsche Historiker.

 

Interessant sind die zahlreich erhaltenen technischen Einrichtungen. Der Sender wurde als Nachfolgeeinrichtung des 1925 eröffneten ersten Senders

von der Firma Lorenz gebaut und war mit einer Leistung von 5 kW auf Mittelwelle 1231 kHz im Jahr 1935 in Betrieb genommen worden. Er diente

lediglich als Relaisstation des Senders in Breslau, produzierte also keine eigenen Programme, demzufolge war es auch nicht so ohne weiteres

möglich, einen Sprachbeitrag per Mikrofon einzukoppeln.

 

Eine Besonderheit ist der Antennenmast, der 118m hoch ist und komplett aus Lärchenholz besteht. Als Verbindungselemente dienen Messingbolzen.

Experten billigen dem Turm eine Standfestigkeit für mindestens noch 200 Jahre zu. Der Sendeturm ist der höchste Holzturm der Welt. Die Antenne

hing als „Draht“ im Inneren des Turmes von oben nach unten bis zum Abstimmhaus. Der Sendebetrieb wurde 1955 eingestellt. Heute nutzen

den Turm verschiedene Funkdienste wie Mobilnetze und Richtfunkstrecken.

 

  

 

 

Mit dem EU-Beitritt ist Polen verpflichtet, nationale Minderheiten anzuerkennen. Bekennen sich mehr als 20% der Einwohner einer Gemeinde als

Deutsche, müssen die Ortseingangsschilder zweisprachig ausgeführt werden. Westlich von Rybnik haben wir davon eine ganze Menge davon

gesehen.

 

Die fünfte und vorletzte Reiseetappe führt zunächst Richtung Prudnik. Kurz nach Głuchołasy kommen wir auf tschechisches Territorium.

Bis hinter Vidnava führt die landschaftlich schöne, schmale aber exzellente Asphaltstraße haarscharf an der tschechisch-polnischen Grenze

entlang: Die Straße tschechisch, die Grenzsteine im Straßengraben, der Mais dahinter polnisch.

 

Lądek Zdrój (Landeck) ist die erste größere Stadt, die wir auf polnischer Seite im Glatzer Bergland erreichen. Dort finden wir ein bescheidenes

Quartier für die letzten Tage unserer Tour. Wir schleppen unsere Sachen durch ein verwinkeltes Haus mehrere Stockwerke nach oben.

Die Motorräder finden ihren Platz neben den wohl nicht mehr 100%-ig funktionierenden Traktoren.

 

  

 

 

In der Zwergenstube können wir unser Essen zubereiten, was allerdings hart gegen die offenbar vegetarisch erzogene Katze des Hauses verteidigt

werden muss.

 

  

 

 

Die Stadt Kłodsko (Glatz), die der Landschaft ihren Namen gab, ist sehr schön. Allerdings ist an vielen Ecken noch eine ganze Menge zu restaurieren.

 

  

 

Bevor wir eine große Runde drehen, gibt es in Polanica (Bad Altheide) noch ein leckeres Mittagessen, was die Vorzüge der polnischen Gastronomie

abermals zur Geltung bringt.

 

  

 

Von Duszniki-Zdrój (Bad Reinerz) zieht sich die Straße Środa Sudetska kilometerweit auf dem Kamm der Orlické hory entlang der tschechisch-

polnischen Grenze durch endlose Waldgebiete in süd-östlicher Richtung hin. In den Ortschaften gibt es oft nur eine Handvoll Häuser, manchmal war

außer dem Ortsschild auch gar nichts zu sehen. Wir halten an einem kleinen Teich, der als Badestelle genutzt wird, gegenüber befindet sich ein

Gebäude, das wie eine Gaststätte aussieht, aber eher eine Eltern-mit-Kind-Herberge ist. Dennoch bekommen wir zwei Kaffee und Gabi mit Marmelade

gefüllte Plinsen mit Sahnehäubchen. Ich darf mal kosten ...

 

  

 

Unser „Urlaub“ geht langsam zu Ende. Nach Kudowa-Zdrój / Náchod geht die Strecke über Jaroměř, Hradec Králové, Jičin, Mladá Boleslav,

Turnov und Liberec. Kurz vor der deutschen Grenze fahren wir nach Hrádek nad Nisou hinunter, um zu tanken und uns mit herzhaftem

„Svíčková na smetanĕ, knedlík“ von Böhmen und vom polnischen Teils Schlesiens zu verabschieden.
                                                                                                                                                                                                            Lothar, 2018